Fotograf Martin Blume
Martin Blume


fotografiert von
Heidi Hintereck

"Night Views" - Der Mannheimer Wasserturm

Außergewöhnliche Lichtsituationen lassen sich nicht suchen -
sie finden sich.

 

Der Mannheimer Wasserturm ist eines der Gebäude, welches mich mit seiner nächtlichen Schönheit besonders begeistert. Dadurch kam er für meine Serie "Night Views" in betracht.

Das Sujet bestimmt die Kamera; am liebsten arbeite ich mit der 8x10inch Großformatkamera in Schwarz-Weiß. Für Belichtungszeiten ab 5 Minuten - und generell für Farbaufnahmen - bevorzuge ich jedoch eine 4x5inch-Kamera.

Spricht mich ein nächtliches Motiv an, geht es ans Skizzieren. Spontane Aufnahmen sind nicht ausgeschlossen, aber eher selten.

Insgesamt vier Versuche waren für die vollendete Aufnahme des Mannheimer Wasserturms notwendig. Ich begann mit einer 4x5inch Studie und abgestuften Belichtungszeiten. Das Super-Angulon 5,6/72mm XL erwies sich dabei als die ideale Brennweite.

Martin Blume in Aktion
Wichtig waren Dunkelheit, ein wolkenloser Himmel und Windstille, um sowohl die Spiegeloberfläche des Springbrunnens zu erhalten als auch Verwacklungen zu vermeiden.

Erster Anlauf:
Die Kriterien waren alle erfüllt, aber beim Betrachten der Negative mit der Lupe auf dem Leuchtpult zeigte sich im Hintergrund ein Absperrzaun, der das Jugendstil-Ambiente störte. Diesen hatte ich wegen der Dunkelheit nicht erkennen können. Die Belichtungszeiten stimmen noch nicht ganz; ich muß länger belichten und stärker ausgleichend entwickeln.

Zweiter Anlauf: Wetter gut, ein windstiller, wolkenloser Abend. Also nochmalige Belichtungstests. Auf der Mattscheibe sieht alles gut aus, lediglich die Figur auf der Spitze des Wasserturms die Amphitrite erscheint mir etwas dunkel, kaum merklich. Der Grund ist einleuchtend: das Kompendium ragt etwas zu weit in den oberen Bildteil. Fahre ich das Kompendium nur leicht zurück habe ich Seitenlichteinfall. Ich wage die Belichtungsreihe. Das Entwickeln zeigt es: doch minimal zu weit und die Amphitrite ist leicht abgeschattet.

Immerhin aber habe ich mittels der Testaufnahmen eine günstige Belichtungszeit ermitteln können und dadurch den Schwarzschildeffekt und Entwicklung im Griff. Ab jetzt kann ich mit der 8x10inch arbeiten.

Dritter Anlauf: Wetter optimal, absolute Windstille - aber am Wasserturm selbst ist ein Oldtimer-Treffen mit Karussell...

Vierter Anlauf. Die Wetterbedingungen könnten hinhauen. Aus der Ferne sehe ich ein paar Gewittertürme über dem Odenwald, aber der leichte Westwind treibt sie von Mannheim weg.

Vor Ort merke ich, daß es "mein Tag" ist. Ich baue bedächtig die 8x10 auf, es ist noch früh, der Springbrunnen läuft noch. Das Mattscheiben-Martin Blume fotografiert Mannheimer Wasserturmbild zeigt mir das Motiv in herrlicher Größe. Eine kleine Verschiebung nach links, um eine ungünstige Wasserdüse an der zweiten Brunnenfigur verschwinden zu lassen. Die starke Verschiebung nach oben bei senkrechten Standarten ist selbstverständlich. Und gerade hier ist das Super-Symmer 5,6/150mm XL mit seinem sehr großen Bildkreis die beste Wahl. Ich muß ihn nicht voll ausreizen und habe dadurch kaum Lichtabfall zum Rande hin. Mittels der 4fach-Lupe kann ich sehr präzise meine Schärfentiefe und die notwendige Blende auf der Mattscheibe bestimmen: 22 1/3. Diese für 8x10inch relativ niedrige Blendenzahl erlaubt es mir im günstigeren Schwarzschildbereich zu bleiben.


Martin Blume bei der Aufnahme
Meine Armbanduhr liegt zuhause, wie schön. Durch die Proben mit der 4x5inch weiß ich allerdings meine Belichtungszeit. Also zähle ich. Während ich da stehe, belichte und zähle, versuchen immer wieder die Passanten mit mir ins Gespräch zu kommen. Ich gebe knappe, aber nicht unhöfliche Antworten und zähle mit dem linken Mundwinkel weiter; die Finger der linken Hand helfen nicht aus dem Rhythmus zu geraten. So belichte ich insgesamt 8 Planfilme. Nach der letzten Belichtung kräuselt ein leichter Wind die Oberfläche des Bassins.
 


Die Entwicklung ergibt, daß die beste Aufnahme diejenige ist, bei der mich zwei Passanten zu sehr in ein Gespräch zogen und ich mich verzählte. So fiel diese Belichtung etwas reichlicher aus - und war dadurch genau die richtige! Außerdem enthält diese Aufnahme ein sehr schönes kompositionelles Element: zwei Personen sitzen auf den Stufen des Wasserturmes, leicht unscharf durch die lange Belichtung und "beleben" so das Ensemble.


Ergebnis:

Martin Blume: Mannheimer Wasserturm bei Nacht in Schwarz-Weiß

Mannheimer Wasserturm bei Nacht in Schwarz-Weiß
Original ( pdf: 5MB )

 

Zur Technik:

Mein Standardwerkzeug ist eine Linhof Technikardan-S 4x5inch Kamera, mit der ich auch die Probe-Aufnahmen machte. Auf dieser benutzte ich das Super-Angulon 5,6/72 XL bei Blende 16.

Für das endgültige Bild arbeitete ich mit der Toyo 810M und dem
Super-Symmar 5,6/150 XL Aspheric bei Blende 22 1/3. Die Asphären bieten extreme Verstellmöglichkeiten und gleichzeitig eine unerreichte Bildqualität! Da ich oft sehr stark verstellen muß, gibt es keine andere Wahl als diese Objektive.

Belichtungstechnisch arbeite ich zonenorientiert, allerdings undogmatisch. Es geht um die maximale Schattendurchzeichnung und eine ausgleichende Entwicklung auf die Lichter. Dabei bevorzuge ich, neben D 76 oder HC 110, den PMK-Entwickler (einen Selbstansatz aus Pyrogallol-Meto-Kodak, nach Gordon Hutchings).

Der Tmax 400 ist der Film, mit dem ich fast ausschließlich arbeite.

Meine Handabzüge entstehen im eigenen Labor, vergrößert mit dem
Componon-S 5,6/300
oder dem Apo-Componon 4/150, auf Barytpapier.

 


 
Fotograf Martin BlumeIch bin überzeugter Anhänger der analogen Großbild-Photographie und
bin sicher, daß gerade im künstlerischen Bereich die Renaissance der Großbild-
kameras schon begonnen hat.



Martin Blume.